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Interview Zyperns Hunde in Not

Annina Arnold

Alles schön auf Zypern? Nicht für die Hunde, die auf der Ferieninsel leben. Angelika Oetker-Kast zeigt in ihrem Fotobuch „Cyprus Paradise“ die Kehrseite des Mittelmeerparadieses. Und sie ruft zum Helfen auf: Von jedem verkauften Buch gehen drei Euro an ein Kastrationsprojekt vor Ort.

Hund im Zwinger
Angelika Oetker-Kast

DOGS: Frau Oetker-Kast, der Titel Ihres Fotobuchs „Cyprus Paradise“ klingt nach Flitterwochen und Luxushotel, ist aber anders gemeint, oder?

Angelika Oetker-Kast:Genau! Für mich spiegelt der Titel den Kontrast in Zypern wider. Auf der einen Seite ist Zypern natürlich ein Urlaubsparadies, aber auf der anderen Seite eben nicht für alle.

DOGS: Wie kamen Sie auf Zypern?

Angelika Oetker-Kast:Die Organisation „Hundeliebe-grenzenlos“ bat mich Anfang 2015, einen Film über die Situation und die Arbeit der Menschen vor Ort zu machen. Diese Organisation agiert vor allem in Zypern. Ich habe mir dann sowohl private als auch staatliche Tierheime angeschaut. Die Bilder ließen mich nicht mehr los. Ich bin seitdem regelmäßig für die Organisation nach Zypern gereist, um weiter zu berichten, aber auch, um auf dem Rückweg Hunde zu begleiten, für die sie hier ein Zuhause gefunden hatten.

DOGS: Wie sieht die Situation für Hunde aus?

Angelika Oetker-Kast: In Zypern leben rund zweihunderttausend Hunde auf der Straße oder in den Tierheimen. Teilweise werden sie über die Zäune der Tierheime geschmissen, dort angebunden oder am Straßenrand ausgesetzt. Es gibt staatliche Tierheime beziehungsweise Auffangstationen, in denen ist der Zustand katastrophal, weil die angestellten Mitarbeiter sich kaum oder gar nicht um die Hunde kümmern. Die Hunde haben dort generell vierzehn Tage, bevor sie getötet werden, vielleicht etwas länger, wenn das jeweilige Tierheim nicht überfüllt ist.

DOGS: Woher kommen die vielen Hunde?

Angelika Oetker-Kast: Ein Großteil der Hunde stammt aus privaten Haushalten. Die Menschen haben sie sich irgendwann als Welpen angeschafft und später, wenn sie sie nicht mehr wollten, einfach wieder entsorgt, aus welchen Gründen auch immer. Besonders schlimm sind die Jäger, die sich teilweise mehrere Hunde halten. Die verbringen ihr Leben häufig im Zwinger und werden nur zur Jagd herausgeholt. Sind die Hunde dann zu alt oder krank, werden auch sie entsorgt.

DOGS: Woher bekommen die Bewohner ihre Hunde? Und was für Hunde werden angeschafft?

Angelika Oetker-Kast: Viele Hunde sind Mischlinge, aber es gibt auch Rassehunde, die teilweise aus anderen Ländern eingeführt wurden. Und natürlich wird auf Zypern auch gezüchtet. Auf meinem letzten Flug nach Deutschland habe ich eine Doggenhündin begleitet, die wohl als Gebärmaschine missbraucht wurde. Sie konnte kaum laufen, weil sie wahrscheinlich ihr Leben lang nur für Nachschub sorgen musste, dementsprechend sahen auch ihre Zitzen aus. Sie ist jetzt in einer Pflegestelle untergebracht und wartet auf ein neues Zuhause. Allgemein gibt es einfach zu viele Welpen und es kommen unkontrolliert immer mehr nach.

DOGS: Was wird von staatlicher Seite unternommen?

Angelika Oetker-Kast: Generell ist es ja eine Frage des Bewusstseins für das Wohl der Tiere, das bei vielen nicht in den Köpfen vorhanden ist. Es gibt krasse Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, aber man muss auch sagen, dass sehr langsam ein Umdenken stattfindet und gerade die jüngeren Menschen sich auf staatlicher Seite für eine Veränderung einsetzen.

DOGS:  Wer sind die Menschen, die sich auf Zypern engagieren? Wo sind private Tierheime?

Angelika Oetker-Kast: Das sind einerseits Zyprioten, meistens aber Zugezogene, die jetzt in Zypern leben und helfen wollen. Bei den privaten Tierheimen gibt es größere, wie zum Beispiel das „Argos Sanctuary“, und kleinere, die manchmal nur von einer Person geführt werden. Alle werden mit viel Liebe und bedingungslosem Einsatz betrieben, sie liegen aber leider größtenteils im Hinterland und sind schwer zu erreichen. Dann gibt es ehrenamtliche Helfer, die in die staatlichen Tierheime gehen und versuchen, zumindest einige Hunde zu retten. Sie bringen regelmäßig Futter, machen sauber oder gehen mit den Tieren spazieren, sofern es die Zeit zulässt. Aber auch sie sind überlastet. Eine Kollegin, die für „Hundeliebe-grenzenlos“ im Einsatz ist, bringt die Hunde außerdem auch in angemieteten Zwingern unter, bis sie vermittelt sind. Denn die privaten Tierheime sind leider meistens restlos überfüllt.

DOGS: Ist die Mentalität gegenüber Tieren in Zypern eine andere?

Angelika Oetker-Kast: Ich möchte nicht pauschal mit dem Finger auf andere Länder und ihre Menschen zeigen. Auch unsere Einstellung hier in Deutschland ist gar nicht so anders, unsere Tierheime sind ebenso voll. Generell muss sich die Einstellung zu den Tieren und der Umgang mit ihnen ändern. Sie haben Gefühle und Bedürfnisse und genauso ein Recht auf ein unversehrtes Leben wie wir Menschen. Das gilt für die Hunde in Zypern genauso wie für die sogenannten Nutztiere hier in Deutschland. Natürlich sind nicht alle Zyprioten Tierquäler, es wird mit dem Thema einfach anders umgegangen und es engagieren sich ja auch dort Menschen im Tierschutz. Aber es fehlt den Tierheimen an finanziellen Mitteln, an Futter und Medikamenten, da ist man viel auf Spenden angewiesen.

DOGS: Wie sollte die Situation verändert werden?

Angelika Oetker-Kast: Natürlich durch Aufklärung. Die Tiere müssen kastriert werden, damit die ungebremste Vermehrung gestoppt werden kann. Dabei helfen Projekte wie das des „Argos Sanctuary“. Sie wollen ein Programm schaffen für Menschen, die weniger verdienen, damit sie sich trotzdem die Kastration ihrer Tiere leisten können. Im „Argos“ wurde eine Klinik gebaut, doch noch fehlt es an Geld für einen Tierarzt. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Buchs unterstütze ich dieses Vorhaben, aber natürlich werden darüber hinaus weitere Spenden benötigt. Wenn solche Projekte gut laufen, können sie eine Leuchtturmfunktion haben und andere Gemeinden dazu bewegen nachzuziehen.

DOGS: Wer kümmert sich um die Vermittlung der Hunde?

Angelika Oetker-Kast: Häufig sind es ausländische Organisationen, zum Beispiel aus Deutschland oder England, die einerseits finanzielle Unterstützung leisten, andererseits die Hunde in diese Länder vermitteln.

DOGS: Ist es nicht schwer, in die Auffangstationen zu gehen und zu entscheiden, wer mitdarf?

Angelika Oetker-Kast: Ja, ich denke, sehr schwer. Doch man muss versuchen, rational zu bleiben. Es gilt zu entscheiden, welche Hunde vermittelbar sind. Dabei hilft es, daran zu denken, wie viele Hunde es schon geschafft haben. Einen Fall werde ich nie vergessen: Vor zwei Jahren haben wir Nils in einer staatlichen Auffangstation gefunden. Zwei vordere Zehennägel war mehrfach eingewachsen, er muss über einen längeren Zeitraum starke Schmerzen gehabt haben, und das war so schlimm, dass der Tierarzt diese Zehen später entfernen musste. Er hat dann bei einer ganz tollen Familie in Süddeutschland eine zweite Chance bekommen. Solche Geschichten trösten ein wenig und helfen, besser mit dem Gesehenen fertig zu werden.

DOGS: Wie bekommt man einen Hund aus Zypern?

Angelika Oetker-Kast: Bei „Hundeliebe-grenzenlos“ ist es zum Beispiel so, dass die Informationen über die zu vermittelnden Hunde über das Wesen, Alter und Herkunft zusammen mit Fotos und Videos auf die Webseite gestellt werden. Als Erstes kommt dann ein ausführliches Telefonat mit den Interessenten, in dem ihre Lebenssituation besprochen und geprüft wird, ob die Leute für den Hund geeignet sind. Dann wird bei Bedarf noch vor Ort geschaut, wie der Hund zum Beispiel auf Kinder reagiert oder sich mit Artgenossen oder mit Katzen verträgt. Als Nächstes gibt es eine sogenannte Vorkontrolle bei den Interessenten zu Hause, und wenn wirklich alles passt, wird der Vertrag gemacht. Wenn der Hund nicht schon in Deutschland in einer Pflegestelle ist, wird nach einem passenden Termin geschaut, und er kommt, sofern er alt genug ist, kastriert und geimpft mit EU-Pass nach Deutschland, wo seine neue Familie ihn in Empfang nehmen kann.

DOGS: Wie funktioniert das mit den Flugpaten?

Angelika Oetker-Kast: Das geht ganz einfach, aber hilft ungemein! Hat man den Flug in das Urlaubsland gebucht, kann man dort tätigen Organisationen anbieten, einen Hund zurück nach Deutschland zu begleiten. Dann werden Flugdaten und die Fluggesellschaft geprüft. Auf den Flugpaten kommen keine Kosten und so gut wie kein Aufwand zu, weil die Hunde direkt zum Flughafen gebracht und am Zielflughafen auch wieder abgeholt werden. Doch den Organisationen und Hunden hilft das sehr, denn unbegleitet dürfen sie nicht fliegen. Und es erspart den Organisationen hohe Kosten beziehungsweise ist für manche Hunde auch die einzige Chance.

DOGS: Wie lange haben Sie an „Cyprus Paradise“ gearbeitet?

Angelika Oetker-Kast: Die Fotos habe ich über einen Zeitraum von knapp drei Jahren gemacht, die Umsetzung selbst hat rund eineinhalb Jahre gedauert. Am liebsten hätte ich natürlich noch viel mehr Fotos abgedruckt, weil ich den Hunden damit ja auch ein Gesicht geben wollte. Mein Mann, mit dem ich den Verlag betreibe, hat mir sehr bei der Auswahl geholfen, und wir haben zusammen entschieden, welche Bilder auf jeden Fall reinmüssen. Den Leser erwarten nun ganz besondere Aufnahmen von den Hunden, aber auch von der Umgebung, in der sie leben. Die Fotos sind teils sehr persönlich und jedes erzählt eine Geschichte, auf die man sich einlassen muss. Das Buch soll aufmerksam machen auf das Leid dort und die Leute aufrütteln zu helfen.

DOGS: Wie können DOGS-Leser konkret helfen?

Angelika Oetker-Kast: Spenden helfen immer! Das „Argos Sanctuary“ zum Beispiel, das ich mit dem Buchprojekt unterstütze, braucht darüber hinaus auf jeden Fall noch Hilfe, um das geplante Kastrationsprojekt umsetzen zu können. Auch die Organisation „Hundeliebe-grenzenlos“, ohne die so viele Hunde erst gar keine Chance gehabt hätten, ist wie viele andere auf Spenden angewiesen. Oder Sie unterstützen die Tierheime bei sich vor Ort. Ansonsten kann man sich bei Organisationen als Flugpate anbieten. Und natürlich im Urlaub einfach mal schauen, ob es lokale Gruppen gibt, die man unterstützen kann. Wichtig ist dabei, Hilfe zu Selbsthilfe zu geben. Und letztendlich sollte man immer erst im Tierschutz schauen, wenn man überlegt, einen Hund bei sich aufzunehmen, im lokalen Tierheim oder bei anderen seriösen Organisationen.

Das Buch „Cyprus Paradise“ hat 60 Seiten, 32 Abbildungen, Hardcover, Text Deutsch und Englisch, für 19,80 Euro beim bt:st Verlag erhältlich, online zu bestellen unter www.bt-st.de

Wenn Sie direkt spenden möchten, können Sie das auf das Konto bei Hundeliebe-grenzenlos e.V. mit dem Zusatz „Kastrationsprojekt“ machen. Weitere Informationen unter www.hundeliebe-grenzenlos.de, www.argossanctuary.com und www.straydok.de

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