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WELTWEIT Der Nachbarschaftshund

Frauke Gans

Rambo wurde ausgesetzt – und fand in den Bewohnern von Rhodos-Stadt eine neue, große Familie.

Rambo brach es das Herz. Seine menschliche Familie hatte ihn an der Altstadtmauer von Rhodos-Stadt einfach aus dem Auto geschubst. Anfangs hielt er den Ausflug für ein Spiel, spurtete mit seinen kurzen Beinen und fliegenden Schlappohren auf der Hauptstraße neben fremden Autos her, bellte fröhlich und schnappte nach Reifen. Die Fahrer steuerten vorsichtig und mitleidig an ihm vorbei: Man kennt diesen Moment, wenn ausgesetzte Tiere ahnungslos und ausgelassen nach dem Fahrzeug suchen, in dem sie eben noch bequem gesessen haben. Warum ihn niemand mitnahm? Frei lebende Hunde und Katzen sind ein relativ normales Bild in Griechenland: Wenig Geld, ergo wenige Tierheime.

Als in der Dämmerung die Laternen angingen, begriff Rambo, dass er die Nacht auf der Straße verbringen würde. Der Beagle-Basset-Irgendwas-Mischling trottete die am Hang gelegene Stadt gen Strand hinunter. Wo er, was er noch nicht wusste, seine neue Heimat finden würde: das Stadtviertel Niochori.

Am nächsten Morgen zog er mit hängendem Kopf durch die bunten, engen Gassen. Die Bewohner litten erschüttert mit. „Sein Hundeschmerz war so offensichtlich“, erinnert sich Dimitris, Fahrzeugvermieter im Niochori. Innerhalb weniger Stunden hatte Rambo mehrere Portionen Hackfleisch, einen Knochen, ein Clubsandwich, Wurst und ein Schälchen Wasser intus: vom Metzger, einem Restaurant, einer Taverne, der Autovermietung und einer mitleidigen Frau, die in der grellen Morgensonne ihren Hof kehrte. Metzger Kostas war erleichtert: „Schon zur Mittagszeit trabte er fröhlich und schwanzwedelnd von Laden zu Laden.“ Seine tägliche Essensroute war damit grob festgelegt. Und das Viertel, in das er a jetzt gehörte. Ganz automatisch reihte Rambo sich in die Riege der Nachbarschaftshunde ein und begann, die neue Freiheit zu genießen.

Touristen halten sie oft für Streuner. Aber wenn Hunde auf Rhodos wohlgenährt und etwas dreckig ohne menschliche Begleitung durch die Straßen flanieren, gibt es überwiegend keinen Grund für Mitleid. Vor allem nicht, wenn sie ein Halsband tragen. Sie leben das ultimative Hundeleben: Griechische Nachbarschaftshunde sind in ihrem gesamten Viertel zu Hause, spazieren frei durch ihr Revier und werden an jeder Ecke versorgt. Aber natürlich liegt hinter einigen eine traurige Geschichte wie die von Rambo.

Schon bald traf der kurze Kerl auf John und Tina: einen Irischen-Wolfshund-Mischling und eine ziemlich dicke Mixdame, die einen Husky im Stammbaum tragen muss, ein Auge schimmert geradezu verboten blau. Henni, eines der Viertelfrauchen, erinnert sich an Rambos Ankunft: „Tina war erst nicht erfreut, als der damals im Niochori noch namenlose kleine Rüde an ihrem Lieblingsplatz am Strand herumlungerte.“ Durch ihr Gebell wurde Henni auf Rambo aufmerksam und fütterte ihn fortan mit den anderen jeden Abend auf dem Hang neben der Bar ihres Sohns, dem „Malt House“ an der Strandpromenade. Einer von Rambos neuen festen Schlafplätzen war ihm somit sicher.

„Seit ich den Kurzen in die Futterrunde aufgenommen habe, sind die drei ein unzertrennliches Nachbarschaftsrudel. Sie gehören zusammen und zu unserem Viertel.“ Henni war es auch, die ihm das Halsband umlegte, das Erkennungszeichen für Adoptionswillige: Bitte nicht mitnehmen! Denn mehr als einmal sind halb freie Hunde und Katzen per Flieger von der Insel verschwunden, weil Besucher sie für Streuner hielten. Sie lassen die vielen Versorger, aber vor allem die Rudel verzweifelt zurück. Die Holländerin Henni hat immer wieder Angst um ihre Schützlinge: „Rambo kam schon dreimal nach Tagen ohne Halsband angelaufen, weil jemand wohl versucht hat ihn mitzunehmen. Dann merken sie wahrscheinlich, dass er weder an der Leine läuft noch sich einsperren lässt, und er darf nach Hause.“

Also genießt das Trio seine Freiheit. Ein Blick in ihren Vierbeinertag offenbart ein abwechslungsreiches Hundeleben. Die Hauptbetreuer kümmern sich um die Schlaf- und Essensroutine ihrer Schützlinge. Wenn Henni aufsteht – „meist übernachten sie in oder an unserem Haus“ –, trottet das Trio Richtung Metzger. Kostas ist bereit: „Bei mir frühstücken sie pünktlich um neun.“ Es folgt eine Verdauungspause auf den Stufen des gegenüberliegenden Restaurants, manchmal mit ihrem Mischlingskumpel, der im „Everest“-Café oder in der Reinigung übernachtet. Auf und unter einigen Autos sitzen unterdessen zehn wilde Katzen. „Die warten ebenfalls auf ihren Snack“, sagt Kostas. Bellende und Maunzende schauen dabei gleichgültig aneinander vorbei: Man kennt sich.

Touristen, die früh schon auf dem Weg zum Strand sind, gehen vorüber, Anwohner, die sich nach Ladenöffnung den ersten Kaffee gönnen, kraulen Rambo, Tina und John die Köpfe und Bäuche. Anschließend heimst das Dream-Team ein Stück die Straße hinunter eine Streicheleinheit und ein Stück Sandwich ein, von Dimitris und Michalis an der Autovermietung „Margaritis“: „Sie wissen, wann wir frühstücken.“ Das gleiche Programm ums Eck bei Christos, der zur Vermieterfamilie gehört. Dann brechen sie gestärkt auf zu ihrer mittäglichen Tour. Dabei zieht es sie wie die Zweibeiner auf Urlaub erst mal zurück ans Wasser. Während Rambo seine menschliche Herrenriege auf einer Bank an der Promenade trifft – „Er schaut mit uns immer aufs Meer“, sagt einer der Rentner –, wälzt sich John auf dem frisch angelegten Rasen des Grandhotels gegenüber und buddelt eine Kuhle. Löwenzahn und Erdklumpen fliegen gen Straße, Direktor und Hotelangestellte schauen gelassen zu: „Die Löcher kann man auffüllen.“

Nachdem die Hunde in den Büschen des Hotels Verdauungsgras genossen haben, legen sie eine Pause auf der Terrasse des „Mitsis“-Hotels ein. Touristen schießen verzückt Handybilder im Akkord – „Die sind ja süß!“ –, selbst als John zu ihrer Freude aus ihren Wassergläsern ein Schlückchen schlabbert, dürfen die Niochori-Berühmtheiten sich weiter im Schatten des Vordachs fläzen. Und weiter geht’s tiefer hinein ins Viertel, wo es Schinken von Taxifahrern gibt. „John liebt unsere Sandwiches!“, berichtet einer von ihnen ein kleines bisschen stolz. Ein Schläfchen unter vier Sternen des Hotels „Petit Palais“, Ausruhen vor mehreren Restaurants inklusive Miniimbiss, auf dem Rückweg belegt die eingespielte Truppe eine komplette Straßenspur. Vorsichtig und mit unendlicher Geduld kurven Autos und Roller an ihnen vorbei. Die Zuneigung der Bewohner von Rhodos-Stadt zu ihren freien vierbeinigen Mitbewohnern rettet diesen manchmal fast im Minutentakt den Hals. Zurück am „Malt House“, flüchten sich die drei Senioren vor der großen Hitze durch den Seiteneingang in die eigens für sie hergerichtete Kammer. Ein Schläfchen schenkt vielleicht genug Energie für eine Tour am kühleren Abend. Auf jeden Fall für Hennis Abendessen.

Das Wetter auf Rhodos ist glücklicherweise so mild, dass die Tiere auch im Winter ihren Freiheitsdrang entspannt ausleben können. Allerdings hat John Angst vor Gewittern Dann ignoriert er selbst Leckerlis von Kostas. „Bei Donner trabt der Große wehenden Fells durch die Gassen zu seinem Übernachtungsfrauchen hinter dem ‚Malt House‘. Während Rambo mit Tina, man könnte meinen schmunzelnd, langsam hinterhertrotten“, lacht Kostas. Nicht immer schafft es der ängstliche Ire bis zum Lieblingsschlafkorb. Einmal verkroch er sich in der Damen- und Kinderabteilung im zweiten Stock des Bekleidungsriesen „Zara“. Die überraschte Belegschaft ließ ihn ausharren, bis das Unwetter vorübergezogen war. Niemand im Niochori, der die drei oder anderen Nachbarschaftstiere nicht kennt. Aber auch nach Gewitterende war er unmöglich, ihn nach draußen zu bewegen. Nicht einmal von Henni: „Die Feuerwehr schob ihn schließlich auf ein Stück Pappe, zog ihn in den Fahrstuhl und im Erdgeschoss auf die Straße. Da konnte er sich überzeugen, dass die Sonne wieder schien, und genehmigte sich auf den Schreck das Brötchen eines Feuerwehrmanns.“

Klar birgt dieses Leben Risiken. Ein Problem ist die medizinische Versorgung. Allerdings nicht, dass sie fehlen würde, weiß Henni: „Ich gebe ihnen Medikamente gegenWürmer und Flöhe und lasse sie impfen. Das wissen nicht alle. Viele Herrchen und Frauchen, viel Medizin. Neulich kamen sie mit Flohhalsbändern angelaufen. Da besteht die Gefahr der Überdosierung.“ Es bräuchte ein Erkennungszeichen am Halsband, ob und wann jemand die Tiere versorgt hat. „Als Rambo einen Schlaganfall hatte, war es allerdings ein Glück, dass er nicht allein in der Wohnung saß, sondern mitten auf der Straße umkippte.“ Die Erstversorgung habe so schnell geklappt, „dass er heute etwas schiefbeinig, aber wieder ohne Probleme seine Route läuft“.

Manchmal wird Kritik laut, dass so viele Tiere frei herumlaufen. In Griechenland. schreibt das Gesetz vor, die Hinterlassenschaften des eigenen Tieres von der Straße zu entfernen. Aber wer macht das für die freien Hunde? „Lassen sie etwas vor einem der Läden fallen, räumen wir es weg“, meint Christos von der Autovermietung. „Wir sind alle ihre Herrchen.“ Doch die Hunde erleichtern sich meist in versteckten Ecken. „Da kann man nichts machen“, meint Henni.

Die Niochori-Legenden Mouli und Liza erreichten in Halbfreiheit mehr als stolze achtzehn Jahre. Bis die Anwohner sie nach Absprache einschläfern ließen, weil das Alter ihnen zu schaffen machte. Henni wollte die geschwächte Liza erst ins Haus holen, aber der Arzt riet ihr ab: „Sie drinnen zu behalten, wäre für sie eine Qual.“

„Die Tiere haben sich an ihre Freiheit so gewöhnt, dass sie uns die Türen zerstören, wenn wir sie nicht herauslassen, sobald sie möchten“, so Henni. „Mein Mann musste unsere Haustür schon dreimal erneuern, weil sie sie vollkommen zerlegt hatten. Im Sommer weigern sie sich, nachts im Haus zu schlafen, und nutzen uns nur als Unterstand vor der Mittagshitze. In den anderen Jahreszeiten zieht es sie bei Sonnenaufgang hinaus, höchstens bei Dunkelheit und Regen kommen sie rein.“ Im Gegensatz zu ihren Haushunden, die Henni und andere Anlaufstellen durchaus haben. „Die sind es nicht anders gewöhnt. Aber wer einmal Freiheit geschnuppert hat, kann nicht mehr auf seine Gassirunde warten.“ Rambo und Kumpanen können nur zustimmend mit dem Schwanz wedeln. Wer sie also trifft: Füttern und kraulen sehr gern. Aber bitte nicht mitnehmen! Hennis Tipp: „Wer einen Hund adoptieren möchte: Echte Streuner sitzen in den überfüllten Tierheimen und warten sehnsüchtig.“

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